VDI

Kernenergie bleibt heißes Diskussionsthema

Ulm (Stadt) | 25.10.2010

Dr. Alfred Voß (li.) und Professor Joachim Nitsch
Dr. Alfred Voß (li.) und Professor Joachim Nitsch

Die gut besuchte Vortragsveranstaltung der VDI-Bezirksgruppe fand im Stadthaus in Ulm statt.

Über das brisante Thema Atomenergie und Energiekonzepte der Zukunft diskutierten am vergangenen Donnerstag die Zuhörer beim „Forum Technik und Gesellschaft“. Die Veranstaltung der Bezirksgruppe Donau-Iller des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) füllte das Ulmer Stadthaus. Aufschlussreich waren zuvor die Referate des Atomenergiebefürworters Dr. Alfred Voß und von Professor Dr. Joachim Nitsch, einem entschiedenen Kritiker der Kernenergie.

„Welchen Beitrag kann und soll die Atomenergie zum Energiekonzept der Zukunft tragen?“ Diese Frage stellte Professor Dr. Manfred Wehrheim von der Hochschule Ulm eingangs der Vortragsveranstaltung der Bezirksgruppe Donau-Iller des VDI im vollbesetzten Stadthaussaal.

Mit Dr. Joachim Nitsch, Gutachter und Berater für Klimaschutzpolitik und Entwicklung innovativer Energiesysteme aus Stuttgart, sprach zunächst ein Gegner der Kernenergie. Eine zukunftsfähige, klimaverträgliche und kostengünstige Energieversorgung sei die Voraussetzung für Fortbestand und Weiterentwicklung industrieller Volkswirtschaften, mahnte der Referent.

Politisch instabile Regionen eignen sich für erneuerbare Energietechnik

Energiemengen in der Größe des gesamten derzeitigen Weltenergieverbrauchs werden bis 2050 gebraucht. Der politische Vorteil der Erneuerbaren Energietechnik sei, dass man diese Anlagen ohne Bedenken auch in politisch instabile Regionen bauen könne. Im Gegensatz zur Kernenergie, die immer für politische, militärische oder auch terroristische Ziele missbraucht werden könne.

Bis heute seien rund 170 Milliarden Euro in erneuerbare Energien-Technologien investiert. Bis 2030 werde, das jährliche Investitionsvolumen auf knapp 600 Milliarden steigen, prophezeite Nitsch. Bis 2050 wird es auf knapp 900 Milliarden Eurosteigen.

Laufzeitverlängerung ist keine Lösung

Der hohe technologische Anspruch an effiziente und kostengünstige Systeme, sowie der überwiegend dezentrale Charakter von erneuerbare Energien-Technologien ließen eine große Branchen- und Unternehmensvielfalt entstehen. Diese reicht von der Großserienfertigung mit globalen Verflechtungen bis zu regionalen und handwerklichen Strukturen.

Grundsätzlich sei für ihn die Laufzeitenverlängerung akzeptabel, wenn die gewonnenen Überschüsse tatsächlich auch in die Forschung und Entwicklung der neuen Energieformen gesteckt werden. Er mahnte aber auch an, dass die Vollkosten von Kernenergie und Erneuerbaren Energien fair aufgerechnet werden. Beispielsweise erschienen die Kosten für die Endlagerung des stahlenden Mülls nie in den Berechnungen. Sein Fazit: „Kernenergie ist nicht verantwortbar“.

Deutsche Wirtschaft bleibt wettbewerbsfähig

Professor Dr. Alfred Voss, Leiter des Instituts für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung in Stuttgart, ist da anderer Meinung. Die Kernenergienutzung und eine Laufzeitverlängerung seien für Kernkraftwerke kein Hemmschuh für den Ausbau erneuerbarer Energien. Der durch Biomasse, Sonne, Wasser und Wind jeweils nicht gedeckte Anteil der Stromnachfrage werde durch die übrigen, konventionellen Kraftwerke ausgeglichen, erklärte Voß.

Die Systembetriebskosten beim Weiterbetrieb der Kernkraftwerke werden in Zukunft sinken. Eine Verlängerung der Betriebsgenehmigungen der deutschen Kernkraftwerke dämpfe somit Strompreise und CO2-Emissionen und mache die deutsche Wirtschaft wieder wettbewerbsfähiger.

Es gibt Vorreiter in Europa

Zudem ließen sich CO2-Emissionen vom Jahr 2010 bis zum Jahr 2030 in Höhe von 1 280 Millionen Tonnen CO2 (minus 26 Prozent) einsparen. „Aus ökonomischer und ökologischer Sicht ist ein Ausstieg aus der Kernenergie deshalb kontraproduktiv“, so das Fazit von Dr. Voß. Derzeit sei Deutschland jedenfalls „kein Vorreiter für den Klimaschutz“. Beim Vermeiden von Co2 – Ausstoß seien die Schweiz und Schweden führend in Europa. Beide Länder setzen stark auf die Kernenergie. Das Fazit von Voß: „Die Erneuerbaren Energien sind technisch noch nicht reif“.

Dass das Thema die Gemüter bewegt, zeigte sich nach den informativen Vorträgen. Die Zuhörer diskutierten das Für und Wider der Nutzung der Kernenergie eifrig und engagiert.
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