Ravensburg | 28.11.2011

Bernhard Nattermann, Kilian Berger, Angelika Parmelita und Jörg-Marcus Leisle, Foto: IHK
Auf großes Interesse stieß eine Informations-Veranstaltung der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben zum Thema Zeitarbeit. "Wir brauchen die Zeitarbeit, um international wettbewerbsfähig zu bleiben", so Dr. Jörg-Marcus Leisle.
„Die Zeitarbeit in Deutschland hat ein Imageproblem“, sagte Wolfgang Bohnert von der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK). Die Zeitarbeit stärke die Wettbewerbs-Fähigkeit der Unternehmen. Das flexible Arbeitsmarkt-Modell, das viele Menschen aus der Arbeitslosigkeit bringe, werde aber von den etablierten Gewerkschaften schlecht geredet. Die IHK habe aus diesem Grund ein Positions-Papier erarbeitet, das die Vorteile des Modells aufzeige, ohne die Probleme zu verschweigen.
Langfristige Personal-Planungen immer schwieriger
Langfristige Personal-Planungen gestalteten sich für die Unternehmen im Zuge der globalen Wirtschaft zunehmend schwierig, gab Bernhard Nattermann vom IHK-Geschäftsbereich Standort-Politik zu bedenken. „Wir müssen uns daher über das Selbstverständnis der Zeitarbeits-Branche Gedanken machen.“ Im Jahr 2002 habe die damalige rot-grüne Regierung die gesetzlichen Rahmen-Bedingungen für die Zeitarbeit geschaffen. Nach den ersten Tarifverträgen 2003 habe die Branche von 2004 bis 2008 eine dynamische Entwicklung genommen. „Im Juli 2008, dem Höhepunkt der Konjunktur, gab es in Deutschland 823.000 Zeitarbeiter“, so Nattermann.
Positive Wahrnehmung der Zeitarbeit in anderen europäischen Ländern
Auch als Instrument der nachfolgenden Krise habe sich die Zeitarbeit neben der Kurzarbeit bestens bewährt. 2008/09 gab es in Deutschland 582.000 Zeitarbeiter, im Sommer dieses Jahres 870.000. Mit der Aberkennung der Tariffähigkeit der christlichen Gewerkschaften Zeitarbeit im Jahr 2010 sei die Zeitarbeits-Branche zunehmend in die Kritik geraten, so Nattermann. Aktuelle Verhandlungen mit den Gewerkschaften über ein Equal-Pay-Treatment gestalteten sich schwierig. In anderen europäischen Ländern hingegen erfahre die Zeitarbeit eine positive Wahrnehmung. Eine interne Vergleich-Studie für den Weltverband der Personal-Dienstleister lobe die deutsche Regelung als einen „guten Mittelweg“.
Region Bodensee-Oberschwaben unter dem bundesdeutschen Durchschnitt
In der Region Bodensee-Oberschwaben seien laut Statistischem Landesamt 2010 rund 211.000 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt gewesen – 3550 da-von als Zeitarbeiter. „Das sind 1,7 Prozent“, so Nattermann. Die Region liege damit unter dem bundesdeutschen Durchschnitt von 2 Prozent. Fast ausschließlich Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten arbeiteten mit Personal-Dienstleistern zusammen. Etwa 30 Prozent der Zeitarbeiter würden in der Regel vom Entleihbetrieb übernommen oder wechselten in einen anderen Job. „Vor allem Gering-Qualifizierte profitieren von der Zeitarbeit“, sagte Nattermann. Im ersten Halbjahr 2010 beispielsweise hätten 10 Prozent der Zeitarbeiter vorher keinen Job gehabt.
Schnelleres Wachstum durch Zeitarbeit
„Ohne Zeitarbeiter hätte unser Unternehmen weniger Wachstum, sagte Kilian Berger, Geschäftsführer der Intratec Schmock GmbH, Weingarten. Von den 67 Unternehmens-Mitarbeitern seien zehn Bürokaufleute und 57 gewerbliche, davon 25 eigene Facharbeiter, zehn Azubis und 22 Zeitarbeiter. Nach anfänglichen Integrations-Problemen bei den Zeitarbeitern strebe Intratec jetzt eine größtmögliche Gleichbehandlung an – inklusive Einarbeitung, Stärken-Orientierung sowie täglichem Feetback mit allen Konsequenzen, so Berger. „Ein Externer darf nicht merken, wer bei uns Zeitarbeiter und wer festangestellt ist.“ Durch die Kooperation mit mehreren Personal-Dienstleistern gewinne Intratec die erforderliche personelle Flexibilität, um auf Auftrags-Schwankungen schnell reagieren zu können. Auch biete die Zeitarbeits-Branche angesichts einer Voll-Beschäftigung in der Region eine Möglichkeit an gute Mitarbeiter und Fachkräfte zu kommen, so Berger.
Befragung unter 2500 Mitglieds-Unternehmen
Die Zeitarbeits-Branche stehe gut da, berichtete Angelika Palermita, Regional-Beauftragte der Interessen-Gemeinschaft Zeitarbeit (IGZ) aus Wilhelmsdorf. Eine Befragung unter 2500 Mitglieds-Unternehmen mit einer Beteiligung von 845 Unternehmen habe ergeben, dass 81,7 Prozent der bestehenden Arbeitsverträge unbefristet und nur 18,3 Prozent befristet sind. 89,5 Prozent der Zeitarbeiter arbeiten in Vollzeit, 10,5 Prozent in Teilzeit. 69,3 Prozent der Kunden-Unternehmen beschäftigen einen bis fünf Zeitarbeiter, lediglich bei 4,3 Prozent sind 31 bis 100 Zeitarbeiter beschäftigt, so Palermita. 67,2 Prozent der Personaldienstleister zahlen übertarifliche Entgelte. 64,3 Prozent finden laut Umfrage eine allgemeine Lohnuntergrenze gut. „Wir haben die gleichen Gesetze wie andere Unternehmen“, betonte Palermita. Eine Klassifizierung der Zeitarbeit als „illegale“ oder „prekäre Arbeitsverhältnisse“ sei schlichtweg falsch.
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