Professor Hans Heinrich Driftmann, Vizepräsident des DIHK
Erstmals seit vier Jahren wollten in Deutschland zuletzt wieder mehr Menschen ein Unternehmen gründen. Doch Pioniergeist steht selten Pate bei der Gründungsabsicht. Was läuft schief?
Der Anstieg ist deutlich: 14 % mehr Gespräche mit Existenzgründern als im Vorjahr führten die IHKs 2009. 71 % der Beratenen wollen in Servicebranchen gründen – wie Gebäudebetreuung, Gastgewerbe, künstlerische Tätigkeiten, Werbung. Die meisten wollen wegen drohender Erwerbslosigkeit starten und bringen nur wenig Kapital mit. Bei vielen Dienstleistungen kann man schon mit geringer Geschäftsausstattung loslegen.
Dienstleistungen boomen, aber wenig Hightech-Gründungen
Nur 6 % wollen in einer Hightech-Branche starten. In Zeiten des sich abzeichnenden Fachkräftemangels sehen viele qualifizierte Beschäftigte große Chancen auf eine gut dotierte Anstellung, die sie dem „Abenteuer Selbstständigkeit“ vorziehen. Weitere Hemmnisse sind laut IHKs fehlende Finanzierungsmöglichkeiten sowie das vergleichsweise hohe Risiko von Hightech-Projekten. Doch Start-ups etwa in der IT-Branche oder der Medizintechnik setzen starke Wachstums- und Beschäftigungsimpulse. Im ersten Jahr schaffen Hightech-Gründer bis zu sechs Arbeitsplätze – doppelt so viel wie der Durchschnitt der Gründungen.
Hohe Qualität ist Mangelware
Immer weniger Gründer legen der IHK durchdachte Konzepte vor. 46 % haben nur vage Vorstellungen von ihrer Zielgruppe – 8 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Fast zwei Drittel der arbeitslosen Gründer können nicht erklären, warum Kunden ihr Produkt – und nicht das der Konkurrenz – kaufen sollten. Trotz fast 200 Förder-Programmen für Existenzgründer ist es damit nicht gelungen, in Deutschland eine Welle innovativer Gründungen anzustoßen. Das muss geschehen: Bei derzeitiger demografischer Entwicklung und Gründungsneigung wird es 2050 über eine halbe Mio. weniger Unternehmer in Deutschland geben – mit großen Innovations- und Wachstumseinbußen. Und dem drohendem Verlust von 2 Mio. Arbeitsplätzen. Es gilt, junge Menschen für den „Beruf Unternehmer“ zu interessieren.
Bei ihrer Kampagne „Gründerland Deutschland“ sollte sich die Bundesregierung daher für mehr „Unternehmertum“ im Bildungssystem einsetzen. Wegen ihrer bildungspolitischen Kompetenz müssen dabei die Bundesländer gemeinsam mit der Bundesregierung vorangehen.