Expertentipps | 25.08.2010
Leutkirch und seine acht Ortschaften liegen in reizvoller Landschaft am Westrand des Allgäus, in unmittelbarer Nähe zu den Alpen und zum Bodensee.
Mit Stolz verweist Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle auf die frisch sanierte, historische Altstadt und den lebendigen Einzelhandel. Den zu erhalten und zu schützen haben sich die Stadt und seine 22.000 Einwohner früh vorgenommen und Märkte auf der grünen Wiese vor ihren Toren erfolgreich verhindert, teils auch vor Gericht. Stattdessen wurde auf dem Brachland in Bahnhofsnähe das Projekt „Bahnhofsarkaden“ aus der Taufe gehoben. Hier entstand, nur wenige Gehminuten von der Innenstadt entfernt, ein Fachmarktzentrum. Die Bahnhofsarkaden, im Mai 2008 feierlich eingeweiht, sind Teil des Sanierungsprojekts Bahnhofsviertel. Das historische Bahnhofshauptgebäude hat die Stadt von der Bahn AG erworben und damit vor der Abrissbirne gerettet. Die geplante Sanierung steht unter einem besonderen Stern: Eine Bürgerinitiative will aus dem Bahnhof einen Bürgerbahnhof machen – und die Finanzierung zumindest teilweise übernehmen.
Mit Autobahnanschluss und Flughafen am Puls der Zeit
Die Elektrifizierung der (Bayerischen) Allgäubahn ist beschlossene Sache. Jetzt wünschen sich Verwaltung und Bürger den Stundentakt vor allem für die Verbindungen nach Memmingen, Drehund Angelpunkt für Fernverbindungen, zurück. Zwar verfügt die ehemalige freie Reichsstadt gleich über zwei Autobahnanschlüsse zur A96. Auch liegen der Memminger Regionalflughafen nur etwa 25 Autominuten und der Flughafen Friedrichshafen etwa 45 Autominuten entfernt. Doch mit dem Bürgerbahnhof will sich die Stadt auch für Bahnreisende herausputzen – und die kommen nur, wenn die Zugverbindungen attraktiv sind.
Noch spielt der Wirtschaftsfaktor Tourismus in Leutkirch eine eher kleine Rolle. Das soll sich jetzt ändern. Auf dem Gelände des ehemaligen Bundeswehr-Munitionsdepots (Muna) soll nun ein riesiger Ferienpark entstehen. Den Stein ins Rollen gebracht hat OB Henle, Wunschpartner ist die niederländische Center Parcs Europe N.V., die bereits Interesse bekundet hat. Da aber Mittel aus den Fördertöpfen von Land und EU winken, hat die Stadt das touristische Großprojekt nun Ende Juli europaweit ausgeschrieben.„Von dem Ferienpark und seinen Besuchern wird die ganze Region profitieren“, ist sich Henle sicher – beispielsweise Handwerksbetriebe beim Bau des Parks. Und die Geschäfte und Restaurants sollen mit regionalen Erzeugnissen beliefert werden. Zudem sollen in dem geplanten Ferienpark 800 neue Arbeitsplätze entstehen. Die Leutkircher Touristiker sehen den Park nicht als Konkurrenz zu bestehenden Angeboten, sondern als Ergänzung.
Mutig durch die Krise
In Leutkirch stehen mehr als 6.700 Menschen in Lohn und Brot. Sie arbeiten in mittelständischen Produktionsbetrieben, im Dienstleistungsbereich sowie in Handel und Gastgewerbe. „Wir haben hier einen sehr ausgewogenen Mix an Betrieben“, erklärt Claudio Uptmoor, Leutkirchs Stadtplaner und neben dem Oberbürgermeister Ansprechpartner für die Unternehmen. Die Unternehmen gehören zu verschiedenen Branchen, sind unterschiedlich groß. „Das macht unsere Wirtschaft krisenfest“, behauptet Uptmoor. Tatsächlich kann er – Stand Juli dieses Jahres – eine Arbeitslosenquote von rund 4,0 Prozent vorweisen – und die liegt deutlich unter dem Landesdurchschnitt von 4,7 Prozent.
Die Leutkircher Unternehmen haben die Krise gut bis sehr gut gemeistert. Die Myonic GmbH etwa, Spezialist für Präzisionskugellager und Systeme hauptsächlich für Dentalinstrumente, hat lediglich Zeitarbeitnehmer freigestellt und Arbeitszeitausgleich angeordnet. Kurzarbeit war nie Thema. „Auf diese Weise haben wir die gesamte Stammbelegschaft halten können“, gibt Geschäftsführer Bernhard Böck, waschechter Allgäuer, zu Protokoll. Heute produziert Myonic wieder im Dreischichtbetrieb. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen an den Fertigungsstandorten in Leutkirch und Tschechien sowie dem Verkaufsbüro in Großbritannien rund 400 Mitarbeiter.
Gut gemeistert hat die Wirtschaftskrise auch die Gruschwitz Textilwerke AG, ein mittelständisches Unternehmen mit zirka 150 Mitarbeitern, das sich auf die Entwicklung und Fertigung technischer Zwirne spezialisiert hat. Schwierig war vor allem das Jahr 2009. Dennoch konnte Gruschwitz dank eines effizienten Kostenund mutigen Personalmanagements den Gewinn bei rückläufigem Umsatz um 2,1 Prozent steigern. Die Strategie: Kurzarbeit in der Produktion, aber personelle Verstärkung in den Bereichen Forschung und Entwicklung und Vertrieb. Der Lohn: „Im Krisenjahr 2009 haben wir rund 180 Entwicklungskooperationen mit und für renommierte Kunden auf den Weg gebracht – und damit die Grundlage für unseren wirtschaftlichen Erfolg der nächsten Jahre geschaffen“, konstatiert Vorstand Ditmar Schultschik. Und die Gögler Elektrotechnik GmbH, Anbieter von Automatisierungslösungen vorwiegend für die Nahrungsmittel-, Pharma- und Chemieindustrie weltweit, hatte im letzten Jahr sogar so viel zu tun wie nie zuvor seit der Unternehmensgründung 1978. Soviel, dass der geplante Umzug von einer engen Hinterhofwerkstatt in ein modernes Betriebsgebäude in der Steinbeissstraße seit zwei Jahren immer wieder verschoben werden musste. „In diesem Jahr“, verspricht Firmengründer und Geschäftsführer Richard Gögler, „packen wir das endlich an.“
Gewachsene Wirtschaftsstruktur
Viele Betriebe sind seit vielen Jahren am Standort Leutkirch, wurden hier gegründet, sind gewachsen, haben expandiert. Die Wurzeln von Myonic beispielsweise reichen bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Das Unternehmen ist 1968 hervorgegangen aus der Kavo Dental GmbH mit Hauptsitz in Biberach und gehört seit 2009 zu dem japanischen Konzern Minebea Co. Ltd., weltweit größter Hersteller von Miniaturkugellagern.
Auch die Sycotec GmbH & Co. KG geht auf die Kavo zurück. Als einstiges Spin-off des Unternehmens am Standort Leutkirch entwickelt und fertigt Sycotec seit rund 50 Jahren innovative Antriebs- und Gerätelösungen für industrielle und medizinische Anwendungen. Die Rupert App GmbH & Co. KG wurde 1939 gegründet und verteilt sich heute auf drei Werksstandorte in den Leutkircher Gewerbegebieten. Das Unternehmen baut und montiert beispielsweise Fassadenelemente aus Stahl und Glas. Eines der größten Referenzprojekte der Allgäuer: das Bundeskanzleramt in Berlin. Und die Thermopal GmbH beliefert internationale Kunden aus Holzhandel, Möbelindustrie, Innenausbau und Schiffsbau mit hochwertigen Holzwerkstoffen.
Gruschwitz feiert in sechs Jahren sein 200-jähriges Firmenjubiläum. Das Unternehmen stammt ursprünglich aus Neu-Ulm und ist in dieser Form ein Zusammenschluss von einst drei Firmen, darunter die Fritz Zorn GmbH & Co. KG, seit 1952 am heutigen Gruschwitz-Standort in der Memminger Straße. 2008 investierte Gruschwitz rund fünf Millionen Euro in eine neue Lager- und Produktionshalle sowie Maschinen und Anlagen. Ziel war vor allem, „noch mehr Raum für Innovationen zu schaffen“, wie Schultschik das nennt. Die Baugenehmigung für eine zweite Halle liegt schon in der Schublade, dann sind die Kapazitäten ausgeschöpft. Flächen für künftige Expansionsvorhaben gebe es in den Gewerbegebieten in und um Leutkirch aber genug, versichert Stadtplaner Uptmoor: „Wer zu uns kommt und ein Gewerbegrundstück braucht, wird zu 98 Prozent ein städtisches Grundstück bekommen.“ So wie Gögler. Oder wie die Elobau Elektrobauelemente GmbH & Co. KG, einer der international führenden Anbieter berührungsloser Sensortechnik. Das Unternehmen, weiß Uptmoor, „expaniert seit rund 20 Jahren.“
Im Wettbewerb um die Neuansiedlung von Gewerbebetrieben halten sich die Wirtschaftsförderer Leutkirchs zwar zurück. Klar, dass die Azur Solar GmbH, Anbieter von Photovoltaikanlagen, dennoch willkommen ist: Im Gewerbegebiet Heidschachen entsteht derzeit die neue Unternehmenszentrale, ein Forschungsund Entwicklungskomplex samt Produktion, Logistik und Verwaltung. Rund fünf Millionen Euro investiert das Unternehmen in den neuen Standort. Der Einzug ist für Oktober 2010 respektive März 2011 geplant; am jetzigen Firmensitz Wangen bleiben einige Stellen erhalten. Dafür muss die Stadt den Wegzug des Medienhauses Schwäbischer Verlag verschmerzen, der seinen Hauptsitz Ende 2011 nach Ravensburg verlagern wird.
Unternehmen setzen auf Ausbildung
Als Bildungsstandort hat sich Leutkirch bislang nicht hervorgetan. Zwar gibt es in Stadt und Ortsteilen rund 20 Kindergärten sowie neun Grundschulen. Das Spektrum weiterführender Schulen reicht von der Hauptschule bis zu einem allgemein bildenden, einem technischen und sogar einem sozialwissenschaftlichen Gymnasium. Eine Hochschule oder Fachhochschule fehlt jedoch. Um dieses Manko zu kompensieren, setzen die Unternehmen auf Ausbildung. Bei Myonic beispielsweise sind 20 Auszubildende in kaufmännischen und technischen Berufen beschäftigt – inklusive Studenten der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW).
Miteinander reden
Kulturell hat Leutkirch aber ein Highlight zu bieten: den „Talk im Bock“, einen monatlichen Talkabend, dessen Ruf weit über die Region hinaus reicht. Die Veranstaltung zählt nicht nur zu den gesellschaftlich wichtigsten Events in Leutkirch, sondern dient außerdem als Kommunikationsplattform der regionalen Wirtschaft und ihrer Macher. Viele Unternehmen sponsern die Veranstaltung, man sieht sich, man trifft sich. „Hier kommen Unternehmen miteinander ins Gespräch, tauschen sich aus“, sagt beispielsweise Gruschwitz-Vorstand Ditmar Schultschik. Vielleicht ist auch das eines der hervorstechendsten Merkmale des Wirtschaftsstandorts Leutkirch: Man redet miteinander.